EU-Russland-Handel könnte Ukraine finanzieren und Druck auf den Kreml erhöhen
Vier Jahre nach Russlands großangelegtem Angriff auf die Ukraine fließen trotz umfassender Sanktionen weiterhin Handelsströme in Milliardenhöhe zwischen der Europäischen Union (EU) und Russland. Dieser verbleibende Handel bietet erhebliches Potenzial, um zusätzliche Mittel für die Ukraine zu mobilisieren und zugleich den wirtschaftlichen Druck auf Russland zu erhöhen. Ein neuer Kiel Policy Brief zeigt: Ein gezielter „Ukraine-Unterstützungszoll“ auf diesen Resthandel könnte unter Einbeziehung gesamtwirtschaftlicher Anpassungen jährlich 11 bis 16 Milliarden Euro einbringen.
Trotz inzwischen zwanzig EU-Sanktionspaketen belief sich der bilaterale Handel zwischen der EU und Russland im Jahr 2025 noch immer auf 57,2 Milliarden Euro. Davon entfielen 27,2 Milliarden Euro auf EU-Importe aus Russland und 30,0 Milliarden Euro auf EU-Exporte nach Russland. Zwar liegt das Handelsvolumen deutlich unter dem Vorkriegsniveau, doch der verbleibende Austausch schafft weiterhin wirtschaftlichen Nutzen für Russland. Die Analyse schlägt deshalb vor, diesen Resthandel gezielt als wirtschaftspolitisches Instrument zu nutzen: durch einen Importzoll auf EU-Einfuhren aus Russland, kombiniert mit einer Abgabe auf EU-Exporte nach Russland. Der Importteil ist rechtlich-institutionell leichter umsetzbar, während die Exportabgabe eine spezifischere rechtliche Ausgestaltung erfordern würde.
„Die zentrale Idee ist ganz einfach: Solange Handel mit Russland stattfindet, sollte Europa ihn zur Unterstützung der Ukraine nutzen“, sagt Julian Hinz, Leiter der Forschungsgruppe Handelspolitik am Kiel Institut und Co-Autor des Kiel Policy Briefs. „Ein klug ausgestalteter Zoll ermöglicht der EU erhebliche Einnahmen und erhöht gleichzeitig den wirtschaftlichen Druck auf Russland – ohne Europa selbst stark zu belasten.“
Handel zur Unterstützung der Ukraine nutzen
Um belastbare Ergebnisse zu erhalten, kombinieren die Forschenden zwei Ansätze: Einer untersucht direkt den EU-Russland-Handel und das mögliche Einnahmepotenzial eines solchen Zolls. Der andere berücksichtigt, wie Unternehmen und Märkte reagieren könnten – etwa durch neue Lieferketten, Preisänderungen oder Handelsumlenkungen über Drittstaaten. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Zollsätze von 30 bis 50 Prozent jährliche Einnahmen zwischen 11 und 16 Milliarden Euro ermöglichen könnten.
Diese Summen könnten längerfristig zur Finanzierung der militärischen Verteidigung, des Wiederaufbaus und humanitärer Hilfe für die Ukraine beitragen. Selbst die niedrigeren Schätzungen bei längerfristigem Rückgang des Handels durch den Zoll würden die derzeit erwarteten rund 3 Milliarden Euro jährlich aus Zinserträgen eingefrorener russischer Staatsvermögen deutlich übertreffen. Gleichzeitig könnte Europa damit seine Unterstützung für die Ukraine zusätzlich zu den bisherigen Hilfszusagen von durchschnittlich rund 70 Milliarden Euro pro Jahr spürbar ausweiten.
Die Analyse zeigt außerdem, dass die makroökonomischen Effekte eines solchen Zolls sehr ungleich verteilt wären: Russlands gesamtwirtschaftliche Verluste wären schätzungsweise drei- bis viermal höher als die der EU. Während die EU vor allem Energieprodukte aus Russland importiert, sind die europäischen Exporte nach Russland deutlich breiter aufgestellt und umfassen unter anderem Chemikalien, Maschinen und andere Industriegüter. Gerade die Kombination aus Importzöllen und Exportabgaben verbreitert daher die Einnahmebasis und erhöht die Wirksamkeit des Instruments. Die Studie zeigt zudem, dass Handelsumlenkungen nach China begrenzt blieben, während extreme Zollsätze kontraproduktiv wären, weil sie die Bemessungsgrundlage zerstören und die langfristigen Einnahmen stark senken würden.
Ein flexibles politisches Instrument
„Die asymmetrische Kostenstruktur macht den Ukraine-Unterstützungszoll zu einem tragfähigen Instrument für längerfristigen wirtschaftlichen Druck“, sagt Co-Autor Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts. „Die Politik bekäme damit ein flexibles Instrument an die Hand: Die Zollsätze könnten beispielsweise im Rahmen einer Verhandlungslösung wieder sinken – bei gleichzeitig begrenzten wirtschaftlichen Kosten für Europa.“
Auch die Sorge, der Zoll könnte vor allem Verbraucherinnen, Verbraucher oder Unternehmen in der EU treffen, halten die Autoren inzwischen für weniger überzeugend. Vier Jahre nach Kriegsbeginn hatten Unternehmen ausreichend Zeit, ihre Lieferketten neu auszurichten. Wer weiterhin mit Russland handelt, tut dies heute bewusst – und der Zoll macht die wirtschaftlichen Kosten dieser Entscheidung sichtbar.
Aus politischer Sicht ist insbesondere der Importteil des Vorschlags rechtlich-institutionell leichter umsetzbar, da er auf bestehenden EU-Handelsregeln aufbauen könnte. Für die Exportabgabe wäre dagegen eine spezifischere rechtliche Ausgestaltung nötig. Die Einnahmen könnten anschließend über einen eigenen EU-Mechanismus gezielt für die Unterstützung der Ukraine eingesetzt werden.
„Die verbleibenden 57,2 Milliarden Euro im Handel zwischen der EU und Russland zeigen, dass Europa noch immer einen wichtigen Hebel ungenutzt lässt“, sagt Moritz Schularick. „Dies ist eine verpasste strategische Chance, bestehende Wirtschaftsbeziehungen in ein Instrument zu verwandeln, das den Druck auf Russland erhöht, die eigenen strategischen Verwundbarkeiten reduziert und die Unterstützung für die Ukraine deutlich stärkt.“