Erholung der Industrieproduktion lässt auf sich warten
Dr. Nils Jannsen, Leiter Konjunktur Deutschland am Kiel Institut, kommentiert die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Industrieproduktion, wonach diese im August um 0,6 Prozent gestiegen ist:
"Eine Erholung der Industrieproduktion lässt weiter auf sich warten. Der Anstieg im August hat den deutlichen Rückgang vom Juli nur teilweise ausgeglichen. Die Unternehmensstimmung im Verarbeitenden Gewerbe hat sich zuletzt zwar deutlich verbessert und die Auftragseingänge sind bei starken monatlichen Schwankungen in der Tendenz aufwärtsgerichtet, wenn auch vor allem von Großaufträgen getragen. Eine breit angelegte Belebung der Produktion ist bislang jedoch nicht erkennbar.
Das seit Mitte Juli anhaltende Niedrigwasser im Rhein beeinträchtigt Transporte per Binnenschifffahrt und belastet dadurch die Produktion. Schätzungen auf Basis früherer Niedrigwasserperioden zufolge wird die Industrieproduktion in einem Monat mit 30 Niedrigwassertagen um mehr als 1 Prozent gedämpft. Für geringere Auswirkungen der aktuell niedrigen Wasserstände spricht, dass betroffene Unternehmen seit der ausgeprägten Niedrigwasserperiode von 2018 ihre Transportwege diversifiziert und ihre Abhängigkeit von der Binnenschifffahrt verringert haben. Auch die ungewöhnlich niedrige Kapazitätsauslastung in der Industrie spricht für eher geringere Folgen der niedrigen Pegelstände, da bei geringerem Transportbedarf Engpässe weniger stark auf die Produktion durchschlagen dürften. Demgegenüber waren die Pegelstände jüngst zum Teil deutlich niedriger als in früheren Niedrigwasserperioden, was für größere Beeinträchtigungen spricht. Aktuelle Wasserstandsvorhersagen deuten darauf hin, dass sich die Niedrigwasserphase zumindest noch weit in den Oktober hineinziehen wird. Im Jahr 2018 hatte sich die Lage erst im Dezember wieder entspannt.
Das Niedrigwasser trifft die deutsche Industrie in einer Phase, in der sie gegenläufigen Kräften ausgesetzt ist. Der internationale KI-Boom und die steigenden Rüstungsausgaben bieten Teilen der Industrie neue Absatzmöglichkeiten. Zuletzt haben die Folgen des Irankriegs zudem offenbar die Geschäfte einzelner Branchen beflügelt, da deutsche Unternehmen weniger von Lieferungen aus der Golfregion abhängig sind als Wettbewerber aus anderen Regionen. Auch vorsorgliche Bestellungen angesichts drohender, kriegsbedingter Lieferengpässe haben die Nachfrage wohl gestützt. Dem stehen aber anhaltende Wettbewerbsprobleme gegenüber, die trotz der jüngsten Belebung des Auslandsgeschäfts zu weiteren Marktanteilsverlusten führen werden."