Viel Geld, wenig Zukunft: Deutschland rüstet anders auf als Polen und Großbritannien
Deutschland hat 2025 Rüstungsgüter im Wert von rund 85 Milliarden Euro bestellt – mehr als Großbritannien (25 Mrd. Euro) und Polen (21 Mrd. Euro) zusammen. Gleichzeitig sinkt jedoch der Anteil moderner Technologien an den deutschen Beschaffungen deutlich: während vor dem Ukraine-Krieg noch 21 Prozent der Bestellungen in innovative Systeme flossen, sind es heute nur noch 9 Prozent. Polen entwickelt sich in die entgegengesetzte Richtung und steigert den Anteil moderner Technologien von 3 Prozent (2020/2021) auf heute 16 Prozent. Großbritannien liegt mit 11 Prozent dazwischen. Dies zeigt ein neuer Kiel Report zur Entwicklung europäischer Verteidigungsinvestitionen.
Der Report basiert auf der dritten Version des Kiel Military Procurement Tracker und analysiert die Beschaffungspolitik in Deutschland, Großbritannien und Polen zwischen Januar 2020 und Januar 2026. In diesem Zeitraum wurden in den drei Ländern Rüstungsaufträge im Gesamtwert von 422 Milliarden Euro vergeben. Allein 2025 belief sich das Beschaffungsvolumen auf 137 Milliarden Euro – ein historischer Rekord. Besonders auffällig war der Dezember 2025: Deutschland verzeichnete mit über 53 Milliarden Euro an Bestellungen den stärksten Monat seiner bisherigen Geschichte.
Trotz der deutlich erhöhten Ausgaben bleiben die deutschen Investitionen in disruptive Technologien – darunter (semi-) autonome Plattformen, Drohnen, KI-basierte Führung und vernetzte Luftverteidigung – in absoluten Zahlen seit 2020 weitgehend konstant. Ihr Anteil an der Gesamtbeschaffung ist sogar rückläufig. In Großbritannien sind die Ausgaben für moderne Systeme zwar absolut gestiegen, die Zusammensetzung des Beschaffungsportfolios hat sich jedoch kaum verändert. Nur Polen hat seine Beschaffung spürbar zugunsten der Technologien umgeschichtet, die sich im Krieg in der Ukraine als besonders relevant erwiesen haben.
Politische Führung macht den Unterschied
„Deutschland beschafft mehr vom Gleichen – aber nicht das Richtige“, sagt Guntram Wolff, Hauptautor des Reports und Fellow am Kiel Institut. „Die Zeitenwende war bislang vor allem ein quantitativer, kein qualitativer Schock. Während die Ukraine Erfolge mit autonomen Systemen meldet und kosteneffiziente Drohnen die Kriegsführung bereits spürbar verändern, verschiebt die deutsche Strategie den Anspruch auf technologische Überlegenheit in die Jahre 2035–2039 – und damit deutlich hinter den von der NATO genannten Bedrohungshorizont 2029.“
Wolff verweist auf die fehlende politische Rückendeckung von ganz oben: „Die deutsche Strategie wird nur vom Verteidigungsminister getragen, nicht vom Kanzler. In Großbritannien und Polen treiben die Premierminister die Modernisierungsagenda persönlich voran. Dieser Unterschied schlägt sich direkt in den Beschaffungen nieder.“
Fragmentierter Markt, unklare Lieferperspektiven
Der Report zeigt zudem einen ausgeprägten Home Bias: Grenzüberschreitende Beschaffungen innerhalb Europas bleiben in allen drei Ländern marginal. Die Lieferzeiten für bestelltes Material liegen typischerweise zwischen zwei und vier Jahren. Besorgniserregend: Für rund 70 Prozent der jüngsten deutschen Bestellungen wird kein konkretes Lieferdatum angegeben – ein Trend, der in Großbritannien und Polen nicht zu beobachten ist.
Politische Konsequenzen
Die Autoren fordern eine Neuausrichtung der deutschen Beschaffungsstrategie: Vorrang für autonome Systeme, KI-gestützte Führung und kostengünstige, skalierbare Waffensysteme, flankiert von einer entsprechenden Anpassung von Doktrin und Ausbildung. „Wenn Deutschland den aktuellen Kurs fortsetzt“, warnt Wolff, „läuft es Gefahr, Europas größte konventionelle Armee aufzubauen – bereit für den Krieg von gestern, aber nicht für den von morgen.“