Europ. Verteidigungsautonomie ist technologisch machbar, fiskalisch finanzierbar und politisch entscheidbar
Sparta 2.0 Papier beschreibt zehn strategische Fähigkeitslücken, priorisiert Schlüsselprogramme und beziffert die Mehrkosten für europäische Souveränität im Sicherheits- und Verteidigungsbereich auf rund 50 Mrd. Euro pro Jahr
- Dr. Jeannette zu Fürstenberg, Prof. Dr. Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann und Dr. Thomas Enders identifizieren zehn Handlungsfelder, von militärischer Cloud über Luftverteidigung, Führungssysteme und Kommunikationsfähigkeiten bis hin zu Satellitenaufklärung
- Die Mehrkosten für diese Schlüsselprogramme verteidigungspolitischer Autonomie schätzen sie auf 150-200 Mrd. Euro bis 2030 und auf etwa 500 Mrd. über das nächste Jahrzehnt
- Sparta 2.0-Papier plädiert für ein Ende der Fragmentierung im Verteidigungsbereich und eine Umsetzung über belastbare Leitkoalitionen statt einer europäischen Superstruktur
- Mit politischem Willen und europäischer Zusammenarbeit wäre eine souveräne europäische Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit kurz- und mittelfristig umsetzbar
- Verteidigungsausgaben sind Investitionen in Europas Zukunft: Jeder investierte Euro in Hochtechnologie kann bis zu 1,50 Euro wirtschaftliche Wertschöpfung generieren
Trotz der weltweit zweithöchsten Verteidigungsausgaben bleibt Europa über die gesamte militärische Wirkungskette strategisch abhängig von den USA. Ein Mehr an Mitteln übersetzt sich noch nicht in ein Mehr an Fähigkeiten und eigenständiger Handlungsfähigkeit.
Das heute veröffentlichte Sparta 2.0 Papier, unterzeichnet von Dr. Jeannette zu Fürstenberg, Prof. Dr. Moritz Schularick, Nico Lange, René Obermann und Dr. Thomas Enders, zeigt: Europa kann seine strategischen Fähigkeitslücken über das nächste Jahrzehnt mit Mehrkosten von rund 500 Mrd. Euro schließen. Das entspricht etwa einem Drittel des geplanten Aufwuchses der europäischen Verteidigungsbudgets von jährlich 200 Mrd. Euro, 10 Prozent der geplanten Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Partner zum Ende des Jahrzehnts oder 0,25 Prozent des europäischen BIP (inkl. UK und Norwegen). Eigenständige europäische Handlungsfähigkeit und europäische konventionelle Abschreckung und Verteidigung sind keine Frage der Kosten oder der technologischen Fähigkeiten, sie sind eine Frage der politischen Priorisierung und Führung, industriellen Koordination und der Bereitschaft, ineffiziente Fragmentierung der europäischen Verteidigung hinter sich zu lassen. Zudem bedarf es neuer Ansätze in der Beschaffung und in der Kapazitätsausweitung.
Dr. Thomas Enders: „Die neue Militärstrategie für die deutsche Bundeswehr benennt die richtigen Prioritäten: Informationshoheit, Multi-Domain-Operations und Wirkung auf Abstand. Sparta 2.0 liefert die industriepolitische und technologische Weiterführung und zeigt auf, dass weitgehende europäische Unabhängigkeit in wenigen Jahren herstellbar ist, zu einem Preis, der aus dem geplanten Budgetaufwuchs finanziert werden kann. Die Botschaft ist: Der Engpass ist weder Geld noch Technologie. Es ist der politische Wille, europäisch zu agieren, Entscheidungen zu treffen und diese dann auch schnellstmöglich und pragmatisch umzusetzen. Die Ukraine zeigt uns, dass es dazu nicht Jahrzehnte braucht.“
René Obermann: „Wer seine Verteidigung nicht selbst organisieren kann, kann sie auch nicht selbst verantworten. Europäische Souveränität ist keine außenpolitische Option, sie ist die Grundbedingung
strategischer Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit. Unsere Verbündeten fordern von Europa genau das, was wir uns selbst schulden: die Fähigkeit, eigenständig zu handeln.“
Zehn Schlüsselprogramme, um strategische Fähigkeitslücken zu schließen
Signifikante Fortschritte in Richtung Souveränität sind innerhalb von 3-5 Jahren zu erzielen, eine weitgehende Autonomie ist in den meisten Bereichen in einem Zeitraum von 5-10 Jahren zu erreichen, wenn diese als politische Priorität einer gemeinsamen europäischen Anstrengung verfolgt werden. Die hier definierten Schlüsselprogramme sind darauf ausgerichtet, bis 2029 erste operative Wirksamkeit zu erreichen und sind synchron mit der Bundeswehr-Planung.
Umsetzung über europäische Kooperation
Das Papier plädiert für eine Umsetzung über belastbare Leitkoalitionen statt einer neuen europäischen Superstruktur. Deutschland, Frankreich, Polen und das Vereinigte Königreich sollten die großen strategischen Programme, konventionelle Reichweite und den nuklearpolitischen Dialog koordinieren. Nordeuropa, die baltischen Staaten und die Niederlande sollten den Kern einer Koalition für maritime Autonomie, Schutz des Ostsee- und Nordseeraums sowie elektronische Kampfführung bilden. Deutschland könnte mit Partnern eine Führungsrolle im Bereich der Luftverteidigung und Drohnenabwehr übernehmen. Auf EU-Ebene sollten gemeinsame Finanzierung und zivil-militärische Infrastruktur abgesichert werden.
Europa verfügt über die technologischen und industriellen Grundlagen
Europäische Unternehmen sind technologisch in vielen Bereichen führend, sie entwickeln und bauen taktische Führungssoftware, militärische Cloud-Infrastruktur und autonome Systeme. Um diese Expertise in militärische Fähigkeiten zu übersetzen, müssen politischer Wille, koordinierte Ressourcenmobilisierung und institutionelle Handlungsfähigkeit konvergieren. Wie das geht, zeigt die Ukraine: Das taktische Battlefield-Management-System Delta wurde innerhalb von 18 Monaten aufgebaut und ist heute außerhalb der USA das leistungsfähigste seiner Art.
Dr. Jeannette zu Fürstenberg: „Wir haben in Europa die technologische und industrielle Grundlage, die wir brauchen, um abschreckungs- und verteidigungsfähig zu werden. Zudem sehen wir aktuell in Europa eine Generation an Gründern, die sich dem Thema europäische Souveränität verschrieben habt und technologisch führende Unternehmen aufbaut. Was wir jetzt aufbringen müssen, ist der Mut, ihnen zu vertrauen und das Kapital dorthin zu lenken, wo es strategische Unabhängigkeit schafft. Der entscheidende Engpass ist nicht Geld oder Technologie, es ist die institutionelle Fähigkeit zur Umsetzung, industrielle Koordination und politische Führung."
Verteidigungsausgaben sind Investitionen in Europas Zukunft
Europa konzentriert 70 Prozent seiner Verteidigungsausgaben auf die zehn größten Rüstungsunternehmen. In den USA liegt dieser Anteil bei unter 30 Prozent. Gleichzeitig betreibt Europa 14 verschiedene Panzertypen, 15 verschiedene Kampfjets und unterschiedliche Kommandosysteme. Diese Fragmentierung vernichtet Skaleneffekte: Europa erzielt laut SWP 30 bis 40 Prozent weniger Fähigkeiten pro investiertem Euro als ein konsolidierter Staat. Deshalb sollten zusätzliche Mittel in zusätzliche Produktionsanlagen, neue Anbieter und Technologiebereiche fließen.
Das gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass Investitionen in Hochtechnologieprogramme auch überproportionale Wertschöpfung und industrielle Spillover-Effekte kreieren. Die Investitionsspannen in diesem Papier berücksichtigen makroökonomische Multiplikatoreneffekte von 0,6 bis 1,5. Das heißt, dass jeder investierte Euro bis zu 1,50 Euro an wirtschaftlicher Wertschöpfung generieren kann.
Prof. Dr. Moritz Schularick: „Verteidigungsinvestitionen in Hochtechnologie sind keine bloßen Ausgaben, sie sind Technologiepolitik mit Sicherheitsrendite. Jeder Euro, der in Software, KI und Raumfahrt fließt, kann einen wirtschaftlichen Multiplikator von bis zu 1,5 erzeugen. Europa kann sich diese Investitionen nicht nur leisten, es kann es sich nicht leisten, sie nicht zu tätigen. Europa muss sich die Frage stellen, ob das Geld erneut in Legacy-Systeme und ins Ausland abfließen soll oder in die Technologiefelder, die Europas industrielle Basis für die nächsten Jahrzehnte prägen können.“
Paradigmenwechsel in der Beschaffung notwendig
Um das Kapital effektiv, effizient und industriepolitisch sinnvoll einzusetzen, ist ein Paradigmenwechsel in der Beschaffung notwendig. Das Papier skizziert fünf Handlungsstränge:
- „Show before you buy“: Prototypen-Wettbewerbe statt hunderte Seiten-Spezifikationen, die Jahre später mit nicht-wettbewerbsfähigen Produkten enden.
- Outcome-Belohnung statt Input-Spezifikation: Probleme beschreiben, nicht Lösungen vorschreiben; ergebnisbasierte Verträge mit klaren KPIs.
- Kapazitätsverträge statt Stückzahlbeschaffung.
- European Fast-Track für Souveränitätsprojekte.
- Ökosystem-Diversifizierung – weg von Goldrandlösungen, hin zu niedrigen Eintrittsbarrieren für neue Anbieter unter systematischer Einbeziehung von Dual-Use-Technologien
Nico Lange: „Die Frage ist nicht, ob wir investieren, sondern ob wir die Investitionen so ausrichten, dass sie Europas Handlungsfähigkeit stärken und Technologieführerschaft sowie industrielle Wertschöpfung in Europa verankern. Wir werden verteidigungsbereit und abschreckungsfähig, wenn wir das viele Geld strategisch einsetzen: für Souveränität, für Technologie, für Tempo."
Das Papier ist im Rahmen eines Expertenprozesses entstanden, der Stimmen aus Wissenschaft, Industrie, Investoren und Militär zusammenbringt. Die im Papier zugrunde gelegten Kostenschätzungen basieren auf öffentlich zugänglichen Vergleichswerten sowie Experteneinschätzungen aus Industrie und Wissenschaft. Angesichts der Neuartigkeit vieler Fähigkeiten und fehlender Referenzprojekte auf europäischer Ebene sind Abweichungen von ±20–30% pro Fähigkeitskategorie einzukalkulieren. Dies ändert nichts am Kernargument: Die Gesamtkosten für Europas Verteidigungsautonomie bewegen sich in einem für Europa fiskalisch darstellbaren Rahmen.