Militärstrategie aus ökonomischer Sicht: viele Fragen offen
Moritz Schularick, Präsident des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, kommentiert die gestern vorgestellte Militärstrategie der Bundeswehr:
„Wer die Sicherheit seines Landes ernst nimmt – und dafür viel Geld in die Hand nimmt –, braucht eine Strategie. Dass Deutschland diese nun erstmals vorlegt, ist ein echter Fortschritt. Das Dokument benennt die richtigen Prioritäten: technologische Überlegenheit, industrielle Schlagkraft, europäische Verantwortung. Daran sollte es gemessen werden. Doch genau hier weist das Dokument konkrete Schwachstellen auf.
Ein erster Punkt: Die Strategie richtet die Bundeswehr nicht an den komparativen Stärken Deutschlands aus. Deutschland ist kapitalreich und technologisch stark, aber verfügt nur über begrenzte personelle Ressourcen. Die Lehre aus der neuen Verteidigungsökonomie lautet: ein Mix aus Hightech-Systemen und kostengünstiger Massenproduktion unbemannter Systeme schlägt teure Manufaktur bemannter Plattformen und Armeen mit hoher Mannstärke. Die Headline-Zahl von 460.000 Soldaten sollte nicht die zentrale Metrik sein.
Das zeigt sich am deutlichsten beim Technologiethema. Die Strategie bekennt sich zur technologischen Überlegenheit – aber ohne einen einzigen quantitativen Zielwert: keinen F&E-Zielwert für den Verteidigungshaushalt, keine Beschaffungsquote für neue Technologien oder Start-ups. Wie wir in unserem aktuellen Kiel Policy Brief „Time to spend smart“ zeigen, gibt Deutschland heute lediglich rund zwei Prozent seines Verteidigungshaushalts für Forschung und Entwicklung aus, die USA rund 10 Prozent. Eine ernst gemeinte Hightech-Strategie muss konkrete, ambitionierte Zielwerte festschreiben.
Dazu kommt die industrielle Fragmentierung Europas: zu viele Varianten derselben Waffensysteme, zu wenig Skalierung, nationale Champions statt gemeinsamer Stärke. Wer diesen Strukturfehler nicht adressiert, verpasst es, die industrielle Grundlage zu schaffen, auf der echte Resilienz und Verteidigungsfähigkeit erst entstehen können. Ohne gemeinsame europäische Beschaffung, Kapazitätsverträge und Finanzierung für gemeinsame Schlüsseltechnologien werden wir am Ende des Jahrzehnts eine halbe Billion Euro ausgegeben haben und militärisch kaum stärker sein als heute.
Ein letztes Thema verdient mehr Aufmerksamkeit: die strategische Eigenständigkeit Europas. Die Militärstrategie öffnet die Tür für ein handlungsfähiges Europa jenseits des NATO-Rahmens – aber ein konkretes Ziel für eigenständige europäische Verteidigungsfähigkeit fehlt. Das reicht nicht. Europa braucht nicht nur die Option zur Eigenständigkeit, sondern einen belastbaren Plan, wie diese erreicht werden soll.“