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30.04.2026

Statement

EZB zwischen Ölpreisschock und Wachstumsschwund

Lena Dräger, Forschungsdirektorin der Gruppe Monetäre Makroökonomie am Kiel Institut für Weltwirtschaft, kommentiert die erwartete Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins heute konstant zu lassen:

„Die EZB dürfte bei ihrer heutigen Sitzung den Einlagensatz bei 2,0 Prozent belassen – und das ist aktuell richtig. Der durch den Krieg im Iran ausgelöste Ölpreisschock hat die Gesamtinflation im Euroraum im März auf 2,6 Prozent getrieben, wobei die Energiekomponente von minus 3,1 auf plus 5,1 Prozent sprang. Gleichzeitig hat der Schock die Konjunktur empfindlich getrübt: Die EZB hat ihre Wachstumsprognose für den Euroraum auf 0,9 Prozent zurückgenommen, Deutschland droht die Rezession. Die Eurozone befindet sich damit in einer klassischen stagflationären Lage, die der Geldpolitik wenig Spielraum lässt. Die Kerninflation blieb bisher stabil bei 2,3 Prozent, was darauf hindeutet, dass es sich noch um einen externen Angebotsschock handelt, nicht um eine breit angelegte Beschleunigung des Preisdrucks.

Allerdings drohen verzögerte Preiseffekte, die die Inflation länger erhöht halten könnten als derzeit erwartet. Höhere Energiekosten schlagen typischerweise mit ein bis zwei Quartalen Verzögerung auf Lebensmittelpreise durch – über gestiegene Transport-, Lagerungs- und Verarbeitungskosten. Zusätzlich verteuern sich Düngemittel erheblich, da über 30 Prozent des weltweit gehandelten Harnstoffs über die Straße von Hormus transportiert wird. Diese indirekten Effekte erhöhen das Risiko, dass die Inflation hartnäckiger über dem Zielwert bleibt.

Die Erfahrung aus dem Energieschock 2022 mahnt dabei zur Wachsamkeit: Damals reagierte die EZB erst spät mit Zinserhöhungen, weil sie zunächst die Nettoanleihekäufe im Rahmen des Asset Purchase Programme zurückführen musste. Heute sind diese institutionellen Fesseln nicht mehr vorhanden – die EZB kann schneller und flexibler reagieren. Angesichts der stagflationären Gemengelage wäre eine präventive Zinserhöhung jetzt dennoch falsch: Sie würde die ohnehin schwache Konjunktur zusätzlich belasten, ohne den Energiepreisschock direkt bekämpfen zu können. Die richtige Antwort ist: abwarten, aber mit klarer Reaktionsfunktion. Die EZB muss unmissverständlich signalisieren, dass sie bei einer Verfestigung des Inflationsdrucks diesmal rasch und entschlossen handeln wird.“

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