Fed sollte Zinsen konstant halten – stagflationäre Risiken dominieren Fed-Chairman Walshs erste Entscheidung
Lena Dräger, Forschungsdirektorin der Gruppe Monetäre Makroökonomie am Kiel Institut für Weltwirtschaft, kommentiert die erwartete Entscheidung der Federal Reserve in den USA, den Leitzins heute konstant zu lassen:
„Kevin Walsh wird in seiner ersten Sitzung als Fed-Chair mit einer stagflationären Situation konfrontiert: Die Inflation in den USA beschleunigt sich deutlich, während sich das Wachstum verlangsamt. Die Fed sollte den Leitzins in solch einer Situation konstant im Bereich von 3,50 bis 3,75 Prozent belassen.
Die wirtschaftliche Lage in den USA ist angespannt. Die Inflation ist im Mai auf 4,2 Prozent gesprungen – der höchste Wert seit April 2023, getrieben durch hohe Energiepreise aufgrund des Konflikts mit dem Iran. Dass sich der Preisdruck inzwischen auch auf weitere Güter und Dienstleistungen wie Reisekosten, Wohnkosten und medizinische Dienstleistungen ausgeweitet hat, zeigt der Anstieg der Kerninflation auf 2,9 Prozent. Zugleich verliert die Wirtschaft an Schwung: Das BIP-Wachstum war im ersten Quartal mit nur 1,6 Prozent Wachstum auf das Jahr gerechnet deutlich schwächer, die Konsumausgaben stiegen nur um 1,4 Prozent, und Wohnungsinvestitionen fielen bereits das fünfte Quartal in Folge. Die Arbeitslosenquote bleibt bislang stabil, die Zahl der Langzeitarbeitslosen hat jedoch zugenommen. Das ist die klassische Stagflations-Konstellation: Teuerung und Wachstumsschwäche gehen Hand in Hand.
Die erste Zinsentscheidung unter der Leitung des frisch ernannten Fed-Chairmans Kevin Walsh hat, neben der ökonomischen, auch eine strategische Komponente. Auch hier ist eine Zinspause strategisch richtig. Fed-Chairman Kevin Walsh kann damit seine Reputation festigen und zeigen, dass er streng bei der Inflationskontrolle agiert. Eine vorschnelle Zinssenkung würde das Vertrauen in die Preisstabilitätsorientierung der Fed unter seiner Leitung untergraben. Gleichzeitig ist die Marktlage fragil: Die Renditekurve ist flach, mit Rezessionswahrscheinlichkeiten über 30 Prozent. Angesichts des dualen Mandats der Fed unterstützt dies eine Entscheidung gegen eine Zinserhöhung zum aktuellen Zeitpunkt. Sollte der Inflationsdruck anhalten, würde dies die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung in der zweiten Hälfte des Jahres jedoch erhöhen. Walsh hat nun die Gelegenheit zu zeigen, dass die neue Fed-Führung unabhängig und datengestützt agiert und stagflationäre Risiken ernst nimmt.“