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11.06.2026

Statement

Der Preisdruck weitet sich aus – die EZB muss jetzt handeln

Lena Dräger, Forschungsdirektorin der Gruppe Monetäre Makroökonomie am Kiel Institut für Weltwirtschaft, kommentiert die erwartete Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins anzuheben:

„Die EZB dürfte bei ihrer Sitzung am 11. Juni 2026 den Einlagensatz um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent anheben – und dieser Schritt ist nun angemessen. Die Gesamtinflation im Euroraum ist im Mai laut Eurostat-Schnellschätzung auf 3,2 Prozent gestiegen, der höchste Stand seit September 2023. Zwar liefert die Energiekomponente mit 10,9 Prozent weiterhin den größten Beitrag, doch der Preisdruck hat sich nun über den Energiesektor hinaus ausgeweitet. Die Kernrate ohne Energie und Lebensmittel kletterte von 2,2 auf 2,5 Prozent, die Dienstleistungspreise von 3,0 auf 3,5 Prozent. Genau diese Entwicklung ist entscheidend: weg von einem rein externen Angebotsschock hin zu einem breit angelegten Preisdruck.

Die Ursache bleibt angebotsseitig, da die Blockade der Straße von Hormus infolge des Iran-Kriegs die Ölpreise weiterhin hochhält. Geldpolitik kann einen solchen Angebotsschock nicht direkt bekämpfen. Umso aufmerksamer muss die EZB beobachten, dass der Druck inzwischen auch auf die Dienstleistungspreise übergreift und sich in den Inflationserwartungen der Haushalte niederschlägt. Laut dem Consumer Expectations Survey der EZB (Erhebungswelle April, veröffentlicht am 1. Juni) erwarten die Verbraucher für die kommenden zwölf Monate eine Inflationsrate von 4,0 Prozent und damit das Doppelte des Zielwerts. Die längerfristigen Erwartungen sind mit 2,9 Prozent auf Dreijahres- und 2,4 Prozent auf Fünfjahressicht zwar besser verankert, liegen aber ebenso über dem Ziel. 

Eine Zinserhöhung wird den Ölpreis nicht senken; sie dient vielmehr dazu, die Glaubwürdigkeit der EZB im Kampf gegen die Inflation zu wahren und die Erwartungen zu stabilisieren, bevor sich der Schock dauerhaft festsetzt. Die frische Erinnerung an die Inflationswelle 2022 erhöht das Risiko von Zweitrundeneffekten, auch wenn das Lohnwachstum bislang moderat bleibt. Anders als beim letzten Inflationsanstieg ist die EZB zudem frei von institutionellen Fesseln wie den vorab kommunizierten Nettoanleihekäufen ihres „Asset Purchasing Programmes“ und kann entschlossen handeln. Es sollte jedoch vorerst ein einzelner Zinsschritt vorgenommen werden, keine vorab festgelegte Serie. Die Eurozone steckt weiter in einer stagflationären Wirtschaftslage mit schwachem Wachstum und Rezessionsrisiken in Deutschland. Eine zu aggressive geldpolitische Straffung würde die fragile Konjunktur abwürgen, ohne den Energiepreisschock direkt adressieren zu können. Die richtige Antwort lautet daher: jetzt handeln, aber mit klarer und datenabhängiger Reaktionsfunktion. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sollte die Tür für weitere Schritte offenhalten, falls sich der Preisdruck verfestigt, zugleich aber Flexibilität signalisieren, sollte der Energiepreisdruck nachlassen.“

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