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Warum Moritz Schularick den Kündigungsschutz abschaffen will

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Um aus dem Aufschwung einen Boom zu machen, muss Deutschland radikalere Reformen wagen, sagt Ökonom Moritz Schularick - etwa: weg mit dem Kündigungsschutz!

 

C: Herr Schularick, Deutschland gilt wieder als kranker Mann Europas. Wie krank ist die Wirtschaft?

 

MS: (...) Das stimmt, wir führen die Debatte sehr einseitig. Unser Problem ist nicht, dass die alten Industrien Probleme haben. Deswegen sind sie ja auch alt. Das Problem ist, dass bei uns keine neuen Industrien, keine neuen Wachstumsbranchen entstanden sind und immer noch nicht in dem Umfang nach kommen, wie es notwendig wäre.

 

C: Jeden Monat verlieren wir 15 000 Arbeitsplätze in der Industrie.

 

MS: Genau! Aber nicht die 15 000 Jobs, die verloren gehen, sind das Problem - das entspricht genau dem Durchschnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte. Neu aber ist, dass keine neuen Industriearbeitsplätze dazukommen. Das ist unser Problem. (...)

 

C: Aber können nicht die alten Industrien dennoch Keimzelle einer neuen Wirtschaftswelt sein?

 

MS: Vielleicht. (...) Wenn Sie mich nach dem Hoffnungsschimmer für die alten Industrien fragen, würde ich mich auf folgende These festlegen: Auch die alten Industrieunternehmen werden nur dann eine Chance haben, wenn wir diese in viel, viel stärkerem Umfang als bisher strategisch einsetzen und fördern. (...)

 

C: Im Grunde fordern Sie eine aktivere Rolle des Staates. Aber so werden private Unternehmen noch nicht mehr investieren.

 

MS: Ich glaube, es braucht beides: eine fundamentale Erneuerung unserer Kompetenzen. Und dann müssen wir das Vertrauen der Unternehmen stärken, dass sie hier in Deutschland die Voraussetzungen finden, um sich zu erneuern. (...)

 

C: Aber die Frage bleibt: Wie kommen wir da raus?

 

MS: Diese Betonung des Übervorsichtigen hat viele Ursachen, Bürokratie und Regulatorik sind sehr tief bei uns verwurzelt. Ich glaube, da hilft nur ein radikaler Schritt. (...)

 

C: Sie wollen an den Kündigungsschutz ran?

 

MS: Unser Arbeitsmarkt, der Kündigungsschutz, die kollektiven Tarifverhandlungen und die Regeln der Mitbestimmung in den Betrieben sind auf die Industriegesellschaft der 60er- und 70er-Jahre des vorigen Jahrhunderts zugeschnitten. (...) Aber wir müssen doch mal anerkennen, dass diese Regeln in einem Zeitalter, in dem die Arbeit auch in der Industrie viel flexibler und projektorientierter ist, nicht mehr passen. (...)

 

C: Weg mit dem Kündigungsschutz?

 

MS: Ja - wir sichern die Risiken des Lebens solidarisch ab: Gesundheit, Alter, Pflege, Arbeitslosigkeit. Aber wir ersetzen den heutigen Kündigungsschutz für alle durch eine dreimonatige Kündigungsfrist, und da nach hat jeder und jede zwölf Monate Zeit, sich einen neuen Job zu suchen, wie in Dänemark bei 80 Prozent des bisherigen Gehalts.

 

C: Es wird einen Aufschrei geben.

 

MS: Darum geht es ja! Entweder gibt es gar kein Problem, und alle leisten das, was sie leisten sollen. Dann können alle entspannt bleiben, wenn der Kündigungsschutz fällt. Oder sie spüren insgeheim doch, dass sie nicht wirklich das geben, was gerade nötig wäre. Aber sie haben gut verstanden, wie das System sie schützt.

Kiel Institut Expertinnen und Experten

  • Prof. Dr. Moritz Schularick
    Präsident

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