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Ist Made in Germany am Ende, Moritz Schularick?

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Exportweltmeister? Das war einmal. Der Ökonom Moritz Schularick sieht das Geschäftsmodell Deutschlands am Ende. Und jetzt? (...)

 

Dieses Interview basiert auf einem Gespräch für den ZEIT-Podcast "Nur eine Frage". (...)

 

DZ: Herr Schularick, ist Made in Germany als deutsches Geschäftsmodell am Ende?

 

MS: Ja, das alte export- und industriezentrierte Wachstumsmodell der Bundesrepublik hat die beste Zeit hinter sich. Weil wir die Besten in den Technologien des letzten Jahrhunderts sind und nicht die Besten in den Technologien dieses Jahrhunderts. Daran führt kein Weg vorbei. Es gibt zwar immer noch Sachen, die in Deutschland gemacht werden, aber die gibt es nicht mehr in der Breite, in der wir es brauchen, und nicht so nah an der Weltspitze, dass Made in Germany ein Zukunftsmodell und Wettbewerbsschlager sein wird.

 

DZ: Wenn man in die USA reist, nach San Francisco zu KI-Unternehmen wie OpenAI und anderen, bemerkt man eine Direttissima-Mentalität, die ich aus Deutschland so nicht kenne. (...) Fehlt Deutschland diese schnelle, zielstrebige Mentalität?

 

MS: Ja, da bin ich total bei Ihnen. Ich sage das immer so: Wir sind die ganze Zeit dabei, rückwärts in die Zukunft zu laufen. (...) Wir diskutieren das Verbrennerverbot und vergessen darüber das autonome Fahren. (...) In der deutschen Industriepolitik geht es immer darum, dass wir mit drei Milliarden Euro Stahlwerke im Saarland retten. Ich finde, wenn man schon drei Milliarden in die Hand nimmt, dann bitte für das, was morgen für Wachstum sorgt, und nicht für die Vergangenheit. (...)

 

MS: (...) insgesamt ist meine Diagnose, dass wir uns in den letzten 20 Jahren zu sehr auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausgeruht haben. (...) Im Jahrzehnt nach der Finanzkrise 2008/09 gab es das Gefühl, das System der amerikanischen Finanzjongleure sei auf Sand gebaut und Deutschland habe alles richtig gemacht. Aber Erfolg macht träge. Und in dieser Trägheit haben wir uns unglaublich viele Dinge geleistet, die es uns schwerer und schwerer gemacht haben. (...)

 

DZ: Dann weisen Sie uns den Weg: Wie zieht sich dieses Land am eigenen Schopf aus dem Sumpf?

 

MS: Das kann ich natürlich nicht, ich habe kein Geheimrezept. Aber in mir formt sich immer stärker die Überzeugung, dass der Schlüssel zum Erfolg ist, dieses Land auf Innovation und Veränderung des Bestehenden zu polen. Das klingt abstrakt, aber Fortschritt und Innovation sind viel Versuch und Irrtum. Man hat eine Idee, probiert sie aus, verwirft sie und versucht eine andere. Ich habe Ende letzten Jahres in Shanghai mit vielen deutschen Firmen gesprochen. Die lagern inzwischen den Innovationsprozess großenteils nach China aus, weil chinesische Ingenieure im Zwei- oder Dreischichtbetrieb an sieben Tagen der Woche arbeiten. (...)

 

DZ: Weil Sie es erwähnt haben: Haben wir die richtige Einwanderung?

 

MS: Es gibt zwei Einwanderungsfragen. Es gibt die Zuwanderung in unseren Arbeitsmarkt, die in unserem ökonomischen Interesse ist, die wir wollen, für die wir uns die Leute und die Weltregion, aus der sie kommen, auch knallhart aussuchen können – wie die USA das über Quotensysteme machen. (...) Und dann gibt es die Einwanderung aus humanitären Gründen. Das ist ein sehr nobler und im Grunde richtiger Zug des Grundgesetzes, gerade vor dem Hintergrund unserer Geschichte. Aber man muss darüber nachdenken, in welchem Umfang das in der aktuellen Situation finanzierbar ist. (...)

 

DZ: Sie haben sich schon vor mehreren Jahren kritisch über sogenannte neoliberale Angriffe auf den Staat geäußert. Sehen wir im handlungsunfähigen Staat nun das Ergebnis dieser Politik?

 

MS: Ja, aber mit einem Twist. Den Angriff auf den großen Staat halte ich für richtig, den Angriff auf den starken Staat halte ich für problematisch. In der Wirtschaftswissenschaft sprechen wir von der Staatskapazität – also der Summe dessen, was ein Staat zu leisten imstande ist. Wie gut baut man einen Berliner Flughafen? Wie gut funktionieren Gesundheitssystem, Nahverkehr, Bahn? Diese Dinge sind extrem wichtig für eine funktionierende Wirtschaft. Mein Hauptvorwurf an die neoliberale Geistesrichtung: Wir kommen um ein positives, konstruktives Verhältnis zu staatlicher Leistungsfähigkeit nicht herum. So sehr ich auch ausufernde Sozialausgaben kritisiere, grundsätzlich wollen wir eine gewisse soziale Absicherung, Gesundheit, Lebensunterhalt auch für die Schwachen in unserer Gemeinschaft gewährleisten. Das funktioniert über ein Transfersystem, das den einen in der Gesellschaft etwas wegnimmt, um es den anderen zu geben. Und ein wirklich starker Staat macht diesen Transfer so effizient, wie es nur irgendwie geht, der ist bis an die Zähne digitalisiert. Was wir in Deutschland aber haben, ist das Gegenteil: Wir verteilen um mit großem Personaleinsatz, mit Einzelfallprüfung, mit Bleistift und Papier. (...)

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