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Energiepreisschock, Lieferausfälle, steigende Inflation: Die Eskalation im Iran trifft die Weltwirtschaft mit voller Wucht. Ökonom Klaus-Jürgen Gern erklärt, warum die Krise gefährlicher ist als frühere Energieschocks - und wann sie in eine globale Rezession kippen könnte.
CC: Herr Gern, erleben wir gerade einen klassischen Energiepreisschock oder sehen Sie etwas Gefährlicheres für die Weltwirtschaft?
KJG: Das ist ein klassischer Angebotsschock, wie er im Lehrbuch steht - problematisch ist dabei die enorme Menge, die dem Markt nicht zur Verfügung steht. Neu ist auch, dass es nicht nur Öl betrifft, sondern auch Flüssiggas. Hier ist die Situation noch schwieriger, weil es weniger Alternativen gibt, kurzfristig weniger Lagerbestände, und die Mengenreduzierung so noch schneller durchschlagen wird. Das ist eine Situation, die wir in der Form noch nicht hatten. (...) Wir bekommen tatsächlich eine beträchtliche Menge an Erdöl nicht mehr aus den Produktionsländern heraus. Inzwischen wird dort sogar teilweise die Produktion stillgelegt, schlicht weil man nicht mehr weiß, wohin mit dem Öl. (...) Das heißt: Die Auswirkungen werden uns noch eine Weile begleiten - selbst dann, wenn sich die geopolitische Lage wieder beruhigt. (...)
CC: Wie schnell wirken sich steigende Energiepreise auf die Verbraucherpreise aus?
KJG: Zunächst machen sich die höheren Preise für die privaten Haushalte beim Energieverbrauch selbst bemerkbar. Energie macht knapp acht Prozent des Warenkorbs aus. Allerdings reagieren nicht alle Energiepreise sofort: So werden Strom- und Gaspreise in Deutschland, anders als die Kraftstoffpreise, in der Regel auf Basis längerfristiger Verträge geregelt und kommen daher verzögert und geglättet bei den Verbrauchern an. Aber je länger die Energiepreise hoch bleiben, desto stärker werden auch die Preise anderer Güter reagieren, bei deren Produktion, Transport und Handel ja auch Energie verwendet wird. (...)
CC: Was hat das für Auswirkungen auf die Inflation?
KJG: Die Inflation dürfte infolgedessen nicht nur kurzfristig anziehen, sondern auch länger erhöht bleiben, selbst wenn die Energiepreise im kommenden Jahr erwartungsgemäß wieder sinken. (...)
CC: Wo liegt aus Ihrer Sicht der Kipppunkt, ab dem aus dem aktuellen regionalen Angebotsschock eine globale Wirtschaftskrise wie in früheren Energiekrisen wird?
KJG: Was passieren müsste, ist, dass das Ganze noch ein paar Wochen so bleibt. Die fehlenden Mengen können global nur für eine gewisse Zeit aus Reserven kompensiert werden. Je länger dies beträchtlichen Mengen am Weltmarkt fehlen, umso höher werden die Preise steigen, und es wird unvermeidlich, dass der Verbrauch substanziell eingeschränkt wird.
Das geschieht nicht abstrakt, sondern ganz konkret: Bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten finden schlicht nicht mehr statt - mit entsprechenden Auswirkungen auf das Bruttoinlandsprodukt. Welche Bereiche genau betroffen sein werden, lässt sich kaum vorhersagen. Häufig sind es natürlich energieintensive Produktionszweige, aber erfahrungsgemäß treten solche Effekte oft überraschend auf. Gerade daraus ergibt sich die eigentliche Gefahr: Es kommt zu Engpässen an Stellen, die man zunächst nicht im Blick hatte. Und genau diese unerwarteten Lücken in den Lieferketten können dann dazu führen, dass plötzlich auch Produktionen ausfallen, die zunächst gar nicht direkt mit der Energieknappheit in Verbindung stehen. (...)