IfW Kiel in den Medien
„China und die USA werden Europa aufessen, Stück für Stück“
Erscheinungsdatum
USA
Europa
China
Geoökonomie
Wenn Europa keine technologische Autonomie erlangt, wird es zur wirtschaftlichen Beute der Supermächte, sagen Niall Ferguson und Moritz Schularick voraus. Doch der Abstieg der deutschen Industrie lasse sich stoppen. Die SZ trifft Niall Ferguson (NF) und Moritz Schularick (MS) in Berlin, (...) Wirtschaftshistoriker Ferguson von der Stanford University gilt wegen seiner zahlreichen Bestseller als brillanter Zeitdiagnostiker. Seit 20 Jahren arbeitet Ferguson immer wieder mit Moritz Schularick, 50, zusammen, der das Kieler Institut für Weltwirtschaft leitet, eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland. (...)
SZ: Mit Blick auf Chinas Expansion und die geopolitischen Schocks: Ist das deutsche Wirtschaftsmodell tot, das sich stark auf Industrie und Export konzentriert?
NF: Die deutsche Wirtschaft hat die Bedrohung durch China völlig unterschätzt. Ich erinnere mich, wie mir Leute ernsthaft sagten, die Chinesen würden niemals in der Lage sein, so gute Kugellager oder Windschutzscheiben herzustellen wie die Deutschen. Sie haben nicht erkannt, dass Chinas Strategie darin bestand, das System zu manipulieren, Firmen zu subventionieren, geistiges Eigentum zu stehlen und so weiter. (...)
MS: Wir brauchen eine entschlossene Strategie gegenüber China. Wir hatten letzte Woche einen EU-Gipfel dazu, aber wir haben immer noch keine europäische Strategie. Europa muss den Zugang zum großen europäischen Markt als Verhandlungsmasse nutzen. Wir werden China erlauben, hier BYDs zu verkaufen, aber nur, wenn sie in Europa produziert werden, um die Arbeitsplätze zu erhalten. Wir werden das tun, was die Chinesen mit uns gemacht haben.
SZ: Und VW wird pleitegehen?
MS: VW wird wahrscheinlich von einem chinesischen Autohersteller aufgekauft. Etwa von BYD. Hier ist die gute Nachricht für die deutsche Industrie: Es gibt eine Vision der Weltwirtschaft in 20 Jahren, in der wir drei kontinentale Volkswirtschaften haben: Europa, die USA und China, die fast alles, was für die nationale Sicherheit wesentlich ist, bei sich produzieren. Und die deutsche Industriebasis wird einen Großteil der europäischen Sicherheit untermauern.
NF: Ich bin pessimistischer. Europa wird sich nur dann als dritte Supermacht etablieren, wenn es technologische Autonomie erreicht, mit einer eigenen Cloud und eigener KI, die es derzeit nicht hat. Und ich sehe Europa diese Autonomie nicht erreichen, da es sich von weiterer europäischer Integration entfernt und in Richtung populistischem Nationalismus bewegt, (...)
MS: Ja, Europa braucht technologische Autonomie in Schlüsselbereichen, und es besteht ein großes Risiko, dass es dies nicht schafft. In diesem Fall gerät Europa zwischen die beiden Gorillas China und die USA. China und die USA werden Europa aufessen, Stück für Stück.
SZ: Sie haben gesagt, Deutschland sei Europas beste und letzte Hoffnung …
NF :…weil Deutschland den finanzpolitischen Spielraum hat, Dinge zu tun, den andere Länder nicht haben
SZ: Seit die Regierung hohe Ausgaben für die Infrastruktur ankündigte, sagen viele, dies erhöhe die Schulden zu stark.
NF: Verschuldung ist nur dann ein Problem, wenn man das Geld konsumiert. Modernisiert man damit die Infrastruktur, schafft man Wachstum, und die Schuldenquote regelt sich von selbst. Viele Deutsche haben das nicht verstanden, aber es ist entscheidend. Die Infrastruktur muss dringend modernisiert werden. Deutschland wirkt alt. Die Bahn ist miserabel. Es ist schockierend. Ich lade Ihre Leser ein, in die Schweiz zu fahren - das ist wie eine Zeitreise.
MS: Umso wichtiger ist eine Industriestrategie für Verteidigungsinvestitionen. Europa kann sich nicht mehr darauf verlassen, dass die USA es gegen ein aggressives Russland verteidigen. (...)