Reallöhne steigen erstaunlich stark
Dr. Dominik Groll, verantwortlich für die Arbeitsmarktanalyse am Kiel Institut für Weltwirtschaft, kommentiert die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zur Lohnentwicklung im dritten Quartal 2025, wonach die Reallöhne um 2,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen sind:
„Der Anstieg der Reallöhne hat sich im dritten Quartal erneut beschleunigt. Dies ist einem höheren Nominallohnanstieg geschuldet, die Verbraucherpreisinflation blieb nahezu unverändert. Dass sich die Lohndynamik im Verlaufe dieses Jahres beschleunigt hat, kommt ein Stück weit unerwartet. Vor allem aber die Höhe des Lohnanstiegs überrascht angesichts der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Der Aufholprozess der Reallöhne infolge des zwischenzeitlichen Inflationsschubs ist weitestgehend abgeschlossen. Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung ist weiterhin schwach, die Arbeitslosigkeit steigt weiter. Und auch die Tarifverträge sehen für das laufende Jahr keine derart hohen Lohnzuwächse vor. Für das Gesamtjahr 2025 zeichnet sich nun ein Reallohnanstieg von rund 2 Prozent ab – ein im langjährigen Vergleich hoher Wert. Dem steht kein nennenswerter Anstieg der Arbeitsproduktivität gegenüber.
Ein Teil der Erklärung für die hohen Lohnanstiege könnten hohe Abfindungszahlungen sein. Vor allem die Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes befinden sich in einem tiefgreifenden Transformationsprozess mit teils umfangreichen Stellenabbauplänen. In den ersten drei Quartalen des Jahres 2025 sind im Verarbeitenden Gewerbe mehr Stellen weggefallen als im gesamten Jahr 2024. In großen Unternehmen wird mit Betriebsräten oft ein sog. sozialverträglicher Stellenabbau vereinbart, um auf betriebsbedingte Kündigungen zu verzichten. Neben Frühverrentungsmodellen und dem Nicht-Nachbesetzen freiwerdender Stellen kommen auch Abfindungszahlungen zum Einsatz. Auch wenn hierzu repräsentative Daten fehlen, deuten Medienberichte daraufhin, dass die angebotenen Abfindungen teils sehr hoch ausfallen.“