Ein Zinsschritt ist angemessen – eine Zinsserie nicht
Lena Dräger, Forschungsdirektorin der Gruppe Monetäre Makroökonomie am Kiel Institut für Weltwirtschaft, kommentiert die erwartete Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins anzuheben:
„Die EZB dürfte bei ihrer Sitzung am 10. September 2026 den Einlagensatz um 25 Basispunkte auf 2,50 Prozent anheben. Dieser Schritt ist angemessen. Entscheidend ist jedoch die Kommunikation über den weiteren Zinspfad, denn das Datenbild hat sich seit Juni gedreht. Die Gesamtinflation im Euroraum stieg laut Eurostat-Schnellschätzung im August auf 3,3 Prozent nach 2,9 Prozent im Juli. Der Anstieg ist jedoch fast vollständig ein Energiepreiseffekt: Die Energiepreise stiegen im August um 14,3 Prozent nach 10,3 Prozent im Juli, während die Kerninflationsrate ohne Energie- und Lebensmittelpreise seit Juni unverändert bei rund 2,4 Prozent liegt. Sowohl die Preissteigerungen bei Dienstleistungen als auch bei Lebensmitteln sind seit Juni leicht zurückgegangen. Die im Juni befürchtete Ausweitung des Preisdrucks hat sich damit vorerst nicht realisiert.
Der Preisdruck kommt weiterhin von der Angebotsseite. Der Iran-Krieg und die Unsicherheit über die Straße von Hormus halten Öl und Gas teuer. In den Löhnen hat sich diese Verteuerung bislang nicht festgesetzt: Die Tarifabschlüsse bleiben moderat und auch der Lohnindikator der EZB zeigt bisher keine Beschleunigung des Lohnwachstums. Auch die Inflationserwartungen der Verbraucherinnen und Verbraucher sind zuletzt eher gesunken, liegen jedoch weiterhin oberhalb des Inflationsziels von 2 Prozent. Der Weg, auf dem teure Energie die Preise weiter nach oben treiben könnte, führt vielmehr über die Nahrungsmittel: Energie steckt in Dünger, Treibstoff, Verarbeitung und Transport, und diese Kosten erreichen die Ladenkassen erst mit erheblicher Verzögerung. Noch steigen die Lebensmittelpreise kaum, doch die bisherigen Projektionen des Eurosystems sehen bis Mitte kommenden Jahres einen kräftigen Anstieg vor – und dabei sind die Ernteschäden der diesjährigen Sommerhitze noch nicht eingerechnet.
Aus dieser Situation folgt eine klare Empfehlung: Jetzt den Leitzins erhöhen und dann innehalten. Die Terminmärkte preisen derzeit mehrere weitere Zinsschritte ein, während die meisten Ökonominnen und Ökonomen nach dieser Sitzung eine Pause erwarten. Eine Zinsserie würde den realen Einkommensverlust verstärken, den der Energiepreisschock ohnehin auslöst, und sie würde ihren vollen Effekt erst 2027 entfalten – also genau dann, wenn der direkte Energiepreisschub bei ausbleibender Eskalation ausläuft. Damit stünde auch die Konjunkturerholung auf dem Spiel, die zuletzt in Deutschland langsam an Fahrt gewonnen hat. Angemessen ist daher ein einzelner Zinsschritt als Vorsichtsmaßnahme gegen ein Entankern der Inflationserwartungen, verbunden mit dem klaren Hinweis, dass weitere Schritte nur bei einer deutlichen Verschlechterung des Inflationsausblicks in Erwägung gezogen werden sollten. Genau beobachten sollte die EZB dabei die Nahrungsmittelpreise, denn sie prägen die wahrgenommene Inflation der Haushalte stärker als jede andere Komponente.“