Wirtschaftspolitischer Beitrag
Zeit für öffentliche Investitionen: Gesundheitsforschung schafft Wirtschaftswachstum
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Im fünften Jahr der europäischen Finanzkrise sind die Auswirkungen zunehmender Arbeitslosigkeit und strikter Sparprogramme auf die menschliche Gesundheit unübersehbar. Europas Regierungen, die sich historisch niedrigen Kreditkosten gegenüber sehen, sollten diese Chance für Investitionen nutzen. Auch um irreversiblen Langfristfolgen für das Wirtschaftswachstum in Europas alternden Gesellschaften vorzubeugen, sollten öffentliche Gesundheitsinvestitionen jetzt Priorität haben.
Kiel Institut Expertinnen und Experten
Im fünften Jahr der europäischen Finanzkrise sind die Auswirkungen zunehmender Arbeitslosigkeit und strikter Sparprogramme auf die menschliche Gesundheit unübersehbar. Europas Regierungen, die sich historisch niedrigen Kreditkosten gegenüber sehen, sollten diese Chance für Investitionen nutzen. Auch um irreversiblen Langfristfolgen für das Wirtschaftswachstum in Europas alternden Gesellschaften vorzubeugen, sollten öffentliche Gesundheitsinvestitionen jetzt Priorität haben.
Insbesondere in den Krisenländern der europäischen Peripherie haben Morbidität und Mortalität, auch durch ansteckende Krankheiten wie HIV/AIDS, zuletzt deutlich zugenommen, wie eine kürzlich in der renommierten medizinischen Zeitschrift The Lancet erschienene Studie belegt. Gleichzeitig sind die öffentlichen Gesundheitsausgaben in vielen Ländern stark unter Druck. In Griechenland zum Beispiel wurden die staatlichen Gesundheitsausgaben seit 2008 um 40 Prozent gesenkt – während die Kindersterblichkeit um 40 Prozent stieg, die Zahl neuer HIV-Infektionen sich verdoppelte und Malaria zum ersten Mal seit den frühen 1970er Jahren wieder zu einem ernsten Problem wurde, wie David Stuckler von Oxford und Sanjay Basu von Stanford am 12. Mai 2013 in der New York Times berichteten.
Dabei können gesundheitsbezogene öffentliche Güter nicht nur akute Gesundheitskrisen lindern, sondern gerade in alternden Gesellschaften wie den europäischen auch einen wichtigen Beitrag zum langfristigen wirtschaftlichen Wachstum leisten. Denn dazu ist es notwendig, den Anteil gesunder Lebensjahre auch bei steigender Lebenserwartung und die Partizipation älterer Menschen am Arbeitsmarkt zu erhöhen. Dies verlangt nach öffentlichen Investitionen, weil ältere Menschen häufiger krank und stärker von chronischen Leiden betroffen sind und zu deren erfolgreicher Behandlung technologische und systemische Innovationen nötig sind. Private Investoren allein können diese nicht leisten, sie werden aber auf erfolgreiche öffentliche Investitionen mit komplementären privaten Investitionen reagieren und der Wirtschaft damit einen weiteren Schub geben.
Schon die Verdoppelung der menschlichen Lebenserwartung im 20. Jahrhunderts, zu der die Diffusion der modernen Medizin entscheidend beigetragen hat, war von einem Spar-und Investitionsboom in weiten Teilen Europas, Amerikas, in Australien und in vielen Ländern Asiens begleitet. Auch in den kommenden Jahrzehnten kann eine zunehmende Lebenserwartung mit einem Anstieg der Arbeitsproduktivität einhergehen. Lässt man gleichzeitig das durchschnittliche Renteneintrittsalter steigen, kann auch das Lebenszeiteinkommen pro Kopf der Bevölkerung weiter wachsen, was die Nachfrage nach noch besserer Gesundheit weiter steigen lassen wird.
Vor diesem Hintergrund liegt in der jetzigen Krise – langfristig betrachtet – eine große Chance. Denn während die Gesundheitsversorgung nach öffentlichen Investitionen schreit, sind die Kreditkosten vieler europäischer Regierungen auf historische Tiefstände gesunken.
Systemische Innovationen notwendig
Einfach die vorhandenen Versorgungsstrukturen im Gesundheitswesen auszuweiten, wäre nicht effizient. Gebraucht werden wirksamere und völlig neue Therapieansätze, neue Medikamente und medizintechnische Produkte, die nur durch eine stärkere biomedizinische Forschung gefunden werden können, einem öffentlichen Investitionsgut par excellence. Krankheiten, die einst selten waren, wie zum Beispiel bestimmte Krebsarten, Alzheimer, andere neuro-degenerative und altersbedingte chronische Erkrankungen, werden in Zukunft viel häufiger auftreten, zum Teil regelrecht zu Volkskrankheiten mutieren. Vor allem aus zwei Gründen ist zu erwarten, dass eine wirksamere Bekämpfung dieser Krankheiten große und rasch steigende Erträge bringen wird:
- Weil die Morbidität und Mortalität aufgrund anderer Ursachen tendenziell immer weiter zurückgeht, ist das Überleben jeder gegebenen Krankheit mit einem immer größeren Gewinn an Lebenserwartung verbunden und wird daher aus Sicht des Einzelnen immer wertvoller.
- Da gleichzeitig der Bevölkerungsanteil älterer Menschen zunimmt, steigt die gesamtgesellschaftliche Zahlungsbereitschaft für die Heilung der spezifischen Krankheiten älterer Menschen viel schneller als deren individuelle Zahlungsbereitschaft.
Der ökonomischen Theorie zufolge sollten also Länder mit einer schnelleren Alterung ihrer Bevölkerung stärker in medizinische Forschung und Entwicklung investieren. Doch das jüngste Weißbuch der European Medical Research Councils („A Stronger Biomedical Research for a Better European Future“, European Science Foundation 2011) zeigt, dass in Japan und vor allem in Europa – trotz ihrer besonders fortgeschrittenen Bevölkerungsalterung – öffentliche Gesundheitsforschung immer noch auf einem viel niedrigeren Niveau betrieben wird als in den USA, wo die einschlägigen staatlichen Mittelzuweisungen relativ zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) mehr als doppelt so hoch sind (bei knapp 0,3 Prozent) wie der gewichtete Durchschnitt in 13 großen europäischen Ländern, für die präzise Zahlen zur Verfügung stehen. Die Ausgaben für die gesamte nicht-gewinnorientierte Gesundheitsforschung, also für die biomedizinische Forschung im öffentlichen Sektor und im gemeinnützigen Privatsektor, sind in den USA etwa doppelt so hoch wie in allen 27 EU-Mitgliedsländern zusammen. Im Verhältnis zum BIP geben die USA – mit ca. 0,4 Prozent – sogar rund vier Mal so viel aus wie die EU insgesamt.
Pro Kopf der Bevölkerung waren Europas Ausgaben für die nicht-gewinnorientierte Gesundheitsforschung im Jahr 2009 mit lediglich 41 € um ein Drittel niedriger als in Japan und mehr als zwei Drittel niedriger als in den USA, wenn man diese zu Kaufkraftparitäten umrechnet. Für einen Amerikaner wurde also mehr als dreimal so viel in die biomedizinische Forschung investiert wie für einen Europäer. Auch innerhalb Europas gibt es große Unterschiede, wobei die Pro-Kopf-Ausgaben Schwedens annähernd denen der USA entsprechen, während andere Länder – insbesondere in Südeuropa, aber nicht nur dort – weit dahinter zurückbleiben.
Europäische Prioritäten und wirtschaftliches Wachstum im 21. Jahrhundert
Aus ökonomischer Sicht kann ein wichtiger Grund für Europas großen Nachholbedarf in der öffentlichen Gesundheitsforschung darin liegen, dass relativ kleine Länder so gut wie keinen Anreiz haben, die externen Ersparnisse zu berücksichtigen, die von eigener Gesundheitsforschung in anderen Ländern ausgehen. Für Europa insgesamt sind diese aber natürlich höchst relevant. Zudem scheint Europa – wohl zum Teil als Trittbrettfahrer der weltweit führenden US-amerikanischen Gesundheitsforschung – in der Vergangenheit mit relativ geringen eigenen Forschungsanstrengungen gut durchgekommen zu sein. Aber diese Strategie ist in Zukunft aus mehreren Gründen weniger erfolgversprechend:
- Weil die europäische Bevölkerung schneller altert, ist es für Europa dringender, die Entwicklung neuer und wirksamerer Behandlungen für die Krankheiten älterer Menschen zu priorisieren.
- Wegen der Einflüsse von Umweltfaktoren auf der Entstehung von Krankheiten und ihrer Wechselwirkungen mit individuellen genetischen Prädispositionen, die Wissenschaftler allmählich beginnen zu verstehen, erfordert die Suche nach erfolgreichen neuen Behandlungen zunehmend länder- und milieuspezifische Forschungsansätze und Studiendesigns – mit der Folge, dass neue Erkenntnisse außereuropäischer Wissenschaftler oft nicht mehr direkt übertragbar sind.
- Die effiziente Versorgung der Patienten erfordert bei einem kontinuierlichen Strom medizinischer Innovationen eine gut ausgebaute lokale Infrastruktur für Health Technology Assessments und Praxisevaluationen. Sie muss darauf ausgerichtet sein, eine rasche Diffusion relevanter Informationen innerhalb des Gesundheitssystems und ein vorausschauendes Management von Risiken in Gestalt von Gesundheitsschäden oder unvorhergesehenen finanziellen Auswirkungen zu ermöglichen, die durch medizinische Innovationen verursacht werden können.
- Viele relevante öffentliche Güter – insbesondere die Grundlagenforschung, die klinische und die translationale Forschung sowie eine leistungsfähige Infrastruktur, die evidenzbasierte Medizin direkt zum Patienten zu bringt – sollten zur Verfügung stehen, bevor die Bevölkerungsalterung ihren Zenit erreicht.
Neben dem Ausbau der öffentlichen Gesundheitsforschung ist es dringend, Hindernisse für private Investitionen abzubauen. Die biomedizinische Forschung generiert seit langem soziale Erträge, deren Höhe die Investitionsrenditen in anderen Wirtschaftszweigen weit übersteigen. Allerdings können sich die privaten Investoren meist nur einen kleinen Bruchteil der sozialen Erträge ihrer Innovationen privat aneignen – eine Beobachtung, in der Ökonomen einen deutlichen Hinweis auf persistente Hindernisse sehen, die eine effiziente Angebotsreaktion auf die latente Nachfrage der Gesellschaft nach medizinischen Innovationen blockieren. Viele potenzielle Innovationen, deren soziale Erträge ihre Kosten übersteigen würden, werden nicht getätigt.
Um diese Hindernisse zu überwinden, sollten Europas Regierungen sich das Ziel setzen, die Diffusion und Adoption kosteneffektiver Innovationen im Gesundheitswesen zu beschleunigen, die Partizipationschancen privater Investoren an den sozialen Erträgen solcher Innovationen zu verbessern und die Anreize privater Akteure im Gesundheitswesen generell stärker mit sozialen Prioritäten in Einklang zu bringen.
In den kommenden Jahrzehnten hat Europa die Chance, der Welt zu zeigen, wie sich wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand mit einer gesunden Alterung der Bevölkerung verbinden lassen. Bereits heute genießen Europäer eine höhere Lebenserwartung als zum Beispiel die Amerikaner. In vielen europäischen Ländern ist die Mortalität von Menschen im Alter von 20 bis 65 Jahren um mehr als ein Drittel niedriger als in den USA. Die rasch zunehmende Zahl älterer Menschen hat die soziale Rendite von Investitionen in die relevanten gesundheitsbezogenen öffentlichen Güter stark steigen lassen.
Einzelne Regierungen, die von dieser Investitionschance angesichts historisch niedriger Finanzierungskosten Gebrauch machen wollen, sollten dabei nicht nur an ihre eigene Bevölkerung denken, sondern die sozialen Erträge für ganz Europa im Auge haben. Soweit sich die zu erwartenden Gesundheitsgewinne in längere und produktivere Arbeitsleben übersetzen lassen, kann dies einen wesentlichen Beitrag leisten, Europas anhaltende wirtschaftliche Depression zu überwinden und auf einen nachhaltigen Wachstumspfad zurückzukehren. Zusätzliche Steuereinnahmen werden dann am Ende dieses Anpassungsprozesses auch ausgeglichene Staatshaushalte möglich machen.
(Überarbeitete und gekürzte Fassung eines Artikels auf www.oekonomenstimme.org vom 2. Juli 2013 unter dem Titel „Wege aus der europäischen Krise: mit Gesundheitsinvestitionen wachsen“.)