Zinssenkung durch Ölpreisschock faktisch vom Tisch
Lena Dräger, Forschungsdirektorin der Gruppe Monetäre Makroökonomie am Kiel Institut, kommentiert die erwartete Entscheidung der Federal Reserve in den USA, den Leitzins konstant zu halten:
„Die Federal Reserve dürfte bei ihrer heutigen Zinsentscheidung den Leitzins unverändert lassen – und das aus guten Gründen. Die aktuellen Wirtschaftsdaten sprechen weiterhin für Vorsicht: Die Inflation liegt noch oberhalb des Zielwerts, während sich der Arbeitsmarkt nur graduell abschwächt. Eine klare Richtung für eine geldpolitische Lockerung ergibt sich daraus nicht, vielmehr ist eine Zinserhöhung deutlich wahrscheinlicher geworden.
Gleichzeitig hat sich das Umfeld für die Geldpolitik zuletzt deutlich verkompliziert. Der Ölpreisschock infolge des Krieges mit dem Iran dürfte die Inflation in den USA in den kommenden Monaten wieder nach oben treiben. Kurzfristig betrifft dies vor allem die Gesamtinflation durch steigende Benzin-, Energie- und Transportkosten. Analysten gehen davon aus, dass der jüngste Anstieg der Ölpreise die Inflationsrate spürbar erhöhen könnte, auch wenn die Effekte auf die Kerninflation zunächst begrenzt bleiben. Für die Fed ist dies besonders heikel: Ein erneuter Anstieg der Gesamtinflation könnte die Inflationserwartungen destabilisieren und den geldpolitischen Handlungsspielraum weiter einschränken.
Vor diesem Hintergrund ist eine Zinssenkung vorerst faktisch vom Tisch. Vielmehr hat sich das Risikoprofil verschoben: Sollte der Ölpreisschock anhalten oder sich verstärken, wäre selbst eine erneute Straffung der Geldpolitik nicht mehr auszuschließen. Die Fed steht damit vor einem klassischen Zielkonflikt zwischen Inflationsbekämpfung und Konjunkturstabilisierung – mit aktuell klaren Aufwärtsrisiken für die Inflation.
Hinzu kommt die zunehmende politische Unsicherheit, in der die Fed derzeit agieren muss. Wiederkehrende Haushaltskonflikte und öffentliche Einflussnahme auf die Geldpolitik erhöhen den Druck auf die Zentralbank, ihre Unabhängigkeit sichtbar zu verteidigen. In einem solchen Umfeld wird jede geldpolitische Entscheidung unweigerlich auch als politisches Signal interpretiert.
Gerade in dieser Situation ist eine Zinspause die überzeugendste Option. Sie signalisiert, dass die Fed nicht auf kurzfristige Schocks oder politischen Druck reagiert, sondern an einer stabilitätsorientierten, datenbasierten Geldpolitik festhält. So schützt die Fed das wichtigste Kapital der Geldpolitik: Vertrauen.“