EZB darf sich vom Ölpreisschock nicht treiben lassen – Lehren aus 2022 richtig einordnen
Lena Dräger, Forschungsdirektorin der Gruppe Monetäre Makroökonomie am Kiel Institut für Weltwirtschaft, kommentiert die erwartete Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB), den Leitzins heute konstant zu lassen:
„Die EZB sollte bei ihrer Sitzung am 19. März 2026 die Leitzinsen unverändert lassen – und sich nicht von den jüngsten Turbulenzen an den Energiemärkten zu vorschnellen Reaktionen verleiten lassen. Mit einem Einlagensatz von 2,0 Prozent befindet sich die Geldpolitik heute in etwa im neutralen Bereich, während die Inflation zuletzt leicht unter dem Ziel lag.
Der Ölpreisanstieg infolge des Krieges im Iran – zuletzt auf über 100 US-Dollar je Barrel – erinnert an den Energieschock nach dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022. Doch der Vergleich zeigt vor allem, wie unterschiedlich die geldpolitischen Ausgangsbedingungen sind.
2022 war die EZB durch ihre eigene „Forward Guidance“ gebunden. Sie hatte klar signalisiert, die Nettoanleihekäufe im Rahmen des Anleihenankaufsprogramms APP zunächst zu beenden, bevor Zinserhöhungen erfolgen. Dieses Vorgehen war wichtig für die Glaubwürdigkeit ihrer Kommunikation – führte aber auch dazu, dass die geldpolitische Reaktion auf den Inflationsanstieg zeitlich verzögert erfolgte und die Geldpolitik zwischenzeitlich als „hinter der Kurve“ wahrgenommen wurde.
Heute besteht dieser Zielkonflikt nicht mehr. Die Anleihekäufe sind beendet, die Zinsen liegen im neutralen Bereich, und die EZB kann deutlich flexibler reagieren. Gleichzeitig war die Inflation zum Zeitpunkt des Schocks nicht bereits erhöht, wie es Anfang 2022 der Fall war. Gerade deshalb gibt es aktuell keinen Anlass für hektische Zinsschritte.
Die zentrale Parallele bleibt jedoch: Auch diesmal droht, dass ein Energiepreisschock über Zweitrundeneffekte in Löhne, Preise und Inflationserwartungen durchsickert. Genau hier liegt die eigentliche geldpolitische Herausforderung.
Die geldpolitische Lehre aus 2022 ist daher zweigeteilt: Die EZB sollte weder durch institutionelle Bindungen noch durch vorschnellen Aktivismus in eine Situation geraten, in der sie vor oder hinter die Kurve gerät. Die richtige Strategie ist deshalb klar: Geduldig bleiben, aber handlungsbereit sein. Die EZB sollte jetzt abwarten – und gleichzeitig unmissverständlich signalisieren, dass sie bei Anzeichen für steigende Inflationserwartungen und Zweitrundeneffekte entschlossen reagieren wird.“