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Deutschlands einflussreichster Ökonom kritisiert die Politik: «Wir laufen rückwärts in die Zukunft»
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Geoökonomie
Wirtschaftspolitik in Deutschland
Mit Autos und Chemie wird die deutsche Wirtschaft nicht mehr wachsen, sagt Moritz Schularick. Chancen sieht er hingegen bei der Aufrüstung – aber nur, wenn sich die Europäer von den USA befreien.
NZZ: Herr Schularick, wird das noch was mit Deutschland?
MS: Die Hoffnung, dass sich das politische System aufrappelt und die notwendigen Kurskorrekturen vornimmt, habe ich noch nicht aufgegeben.
NZZ: Nach jahrelanger Stagnation wächst die Wirtschaftsleistung zwar wieder leicht, trotz reichlich
Staatsgeld sind die Wachstumsprognosen aber bescheiden. Warum?
MS: (...) Ein Teil des Geldes fliesst nun in den Staatskonsum statt in Investitionen, was nicht im Sinne des Erfinders war. Das Hauptproblem löst man aber nicht mit mehr Geld. Es ist gut, wenn die Bahn wieder pünktlich fährt. Doch Wachstum kommt nicht durch reparierte Brücken, sondern durch neue Ideen. (...)
NZZ: Wieso hat das Land den Wandel verpasst?
MS: Der Leistungsdruck war nicht gross genug. (...) Während die anderen sich weiterentwickelten, haben wir uns zurückgelehnt. Niemand merkte, wie das Fundament bröckelte. Das ist wie vor einer Finanzkrise: Die Probleme brauen sich dann zusammen, wenn alle denken, es laufe prima.
NZZ: Welche Zukunft hat das deutsche Wirtschaftsmodell, das vom Export von Industriegütern geprägt ist?
MS: Ich glaube nicht, dass von den Dinosaurierindustrien das künftige Wachstum kommt. Stahl, Grundlagenchemie und Verbrennerautos werden nicht die Wachstumstreiber des nächsten Jahrzehnts sein. Eigentlich wissen das alle. Und doch verläuft die wirtschaftspolitische Debatte defensiv. Politiker sprechen vom Bewahren und Erhalten, statt vom Erschaffen. Wir laufen rückwärts in die Zukunft. (...)
NZZ: Was kann Europa den USA und China entgegensetzen?
MS: (...) Gegenüber China muss Europa die Abhängigkeiten bei den industriellen Lieferketten umkehren, gegenüber den USA jene im Finanzsystem, der Hochtechnologie und im militärischen
Bereich.
NZZ: Wie soll das in einer freien Marktwirtschaft funktionieren?
MS: Wir alle werden in unseren Überzeugungen Flexibilität beweisen müssen. Es wird nicht ohne Markteingriffe gehen. Gegenüber den beiden Gorillas brauchen wir andere Werkzeuge, etwa Exportbeschränkungen oder eigene Zahlungssysteme. Gegenüber dem Rest der Welt sollten wir aber umso mehr auf Freihandel und Offenheit setzen. Je vernetzter wir mit anderen Ländern sind, desto resilienter sind wir.