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24.03.2026

News

Hormus-Schließung löst Angebotsschock aus und gefährdet Ernährungssicherheit

Die Schließung der Straße von Hormus – eines nur 21 Seemeilen breiten Nadelöhrs, durch das etwa ein Fünftel des weltweiten Erdöls und ein Viertel des Flüssigerdgases transportiert wird – hat einen weitreichenden Angebotsschock ausgelöst. Eine neue Analyse sowie eine interaktive Website des Kiel Instituts zeigen, dass die Störung weit über den Energiesektor hinausgeht und sich über Chemikalien und Düngemittel bis in die Ernährungssysteme weiterträgt, wobei die schwerwiegendsten Folgen auf Entwicklungsländer entfallen.

„Das zentrale Problem ist die Kettenreaktion“, sagt Julian Hinz, Leiter der Forschungsgruppe Handelspolitik am Kiel Institut. „Ein Energieschock wird schnell zu einem Düngemittelschock und schließlich zu einer Ernährungskrise – insbesondere in Ländern, die in jeder Stufe auf Importe angewiesen sind.“

Die Schließung folgt auf die Eskalation des Konflikts zwischen den Vereinigten Staaten, Israel und Iran, wodurch der Tankerverkehr durch die Meerenge innerhalb weniger Tage von rund 40 täglichen Durchfahrten auf nahezu null zurückging. Während sich die Aufmerksamkeit bislang vor allem auf Öl und Gas richtet, reicht die Bedeutung des Golfs für den Welthandel deutlich weiter. Eine kleine Gruppe von Ländern, die mit der Meerenge verbunden sind, dominiert die Exporte einer Vielzahl kritischer Güter – von Petrochemikalien und Düngemitteln bis hin zu Metallen und Agrarprodukten –, von denen viele kurzfristig nicht anderweitig beschafft werden können.Um das gesamte Ausmaß dieser Abhängigkeiten zu verdeutlichen, hat das Kiel Institut eine neue interaktive Website gestartet, die sichtbar macht, wie stark die weltweite Abhängigkeit von diesen Produkten ist.

Diese breitere Abhängigkeit ist entscheidend, um das Ausmaß des Schocks zu verstehen. Derivate von Kohlenwasserstoffen, Methanol und Harnstoffdünger – zentrale Vorleistungen für Landwirtschaft und Industrie – sind stark in der Produktion der Golfregion konzentriert. Energieintensive Metalle wie Aluminium und Stahl sowie regionale Agrarprodukte festigen zusätzlich die Rolle des Golfs in globalen Lieferketten. In vielen dieser Sektoren ist die Abhängigkeit in den vergangenen drei Jahrzehnten nicht gesunken, sondern sogar gestiegen.

Gängige Handelsmodelle unterschätzen die Folgen, weil sie nicht erfassen, wie Störungen sich durch diese eng miteinander verbundenen Systeme ausbreiten. Rückgänge bei Energieflüssen begrenzen die chemische Produktion, was wiederum die Verfügbarkeit von Düngemitteln einschränkt und die Nahrungsmittelpreise steigen lässt – ein Engpass-Effekt. 

Dieser Effekt verstärkt die Auswirkungen in Ländern, die auf importierte Vorleistungen angewiesen sind – insbesondere in Südasien, Subsahara-Afrika und Teilen des Nahen Ostens. Beispielsweise könnten im Szenario einer kurzfristigen vollständigen Schließung der Straße von Hormus die Nahrungsmittelpreise in Sri Lanka, Pakistan und Indien um etwa 10–15 % steigen, wobei auch höhere Steigerungen möglich sind. Die Wohlfahrtsverluste in diesen drei Ländern werden auf −3,5 % bis −1,8 % geschätzt. Allgemeiner werden die Wohlfahrtsverluste in diesen Regionen auf das 10–20-fache der Verluste in den traditionellen Industrienationen geschätzt, eine Ausnahme sind erdölexportierende Länder.Zum Vergleich: Die Wohlfahrtswirkungen in der Europäischen Union liegen nur zwischen −0,76 % und −0,36 %, während sie in den Vereinigten Staaten noch geringer ausfallen und zwischen −0,16 % und −0,04 % liegen.

Auch der Zeitpunkt der Störung verschärft die Lage erheblich. März und April sind Spitzenmonate für die Ausbringung von Düngemitteln in der Pflanzsaison der Nordhalbkugel. Zwar können sich Märkte mit der Zeit teilweise anpassen, doch strukturelle Schäden an Lieferketten und landwirtschaftlicher Produktion dürften bestehen bleiben.

Die Ergebnisse unterstreichen den Bedarf an koordiniertem politischem Handeln. Die Störung in Hormus ist nicht nur ein Energieschock, sondern auch eine Krise für Industrieproduktion und Ernährungssicherheit. Strategische Düngemittelreserven in importabhängigen Ländern sowie stärkere internationale Mechanismen zur schnellen Bereitstellung von Düngemitteln und Nahrungsmittelhilfe könnten helfen, künftige Schocks abzufedern. Gleichzeitig bleibt die Verringerung der Abhängigkeit von Energie aus der Golfregion und von energieintensiven Importen – durch Diversifizierung, Investitionen in erneuerbare Energien und Effizienzsteigerungen – die wirksamste langfristige Antwort.

„Es geht nicht nur um den globalen Durchschnitt, sondern darum, wer am stärksten betroffen ist“, sagt Hinz. „Für die ärmsten Länder der Welt kann etwas, das global noch überschaubar wirkt, schnell zu einer schweren Ernährungskrise werden.“

Website zu aktuellen Handelsfragen in der Straße von Hormus

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